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STECKBRIEF

Wissenschaftlicher Name: Mus musculus
Deutscher Name:
Hausmaus
Englischer Name: House mouse
Ordnung: Rodentia
Familie: Muridae
Unterfamilie: Murinae
Vorkommen:
Ursprünglich Indien, heute weltweit
Größe:
6.5-9.5 cm + 6-10.5 cm Schwanz
Gewicht: 12-30 g (Wildform)
Geschlechtsreife: Mit 5-7 Wochen
Tragzeit: 19-21 Tage, bei säugenden Weibchen auch länger
Durchschnittliche Wurfgröße: 5-6 Junge
Sozialverhalten:
Gesellig
Aktivitätsphasen: Nachtaktiv
Anspruch: Einfach
Hausmaus

ALLGEMEINES

In ihrer Wildform weltweit verbreitet, zählen Hausmäuse auch zu den beliebtesten Heimtieren und stellen in der medizinischen und naturwissenschaftlichen Forschung bislang mit Sicherheit die wichtigste Versuchstierart dar. Ihre Beliebtheit als Heimtiere geht sicher zu einem großen Teil auf die Vielzahl an Farb- und Fellmutationen zurück. Bereits vor mehreren Jahren gaben Bennett & Lamoreux (2003) einen Überblick über damals 127 bekannte Farbgenloci mit zu diesem Zeitpunkt rund 800 den Phänotyp beeinflussenden Allelen. Durch die ständig fortschreitende Aufschlüsselung des Hausmausgenoms ist inzwischen noch für etliche weitere Genloci bekannt, dass und teils auch wie sie Einfluss auf die Farbausprägung nehmen. Eine ständig aktualisierte Aufstellung solcher Genloci findet sich unter Color Genes.

Die Hausmaus als Haus- und Labortier

1943 listeten Schwarz & Schwarz 11 Unterarten der Hausmaus auf, je nach Autoren werden sie teilweise auch nur als Stämme (Wilson & Reeder 1993) oder als eigene Arten betrachtet (Milishnikov, Lavrenchenko & Lebedev 2004). Vier Unterarten spielten für die Entwicklung der heutigen Labormäuse eine Rolle: M. m. musculus aus Asien, Zentral- und Osteuropa, M. m. castaneus aus Süd- und Ostasien, M. m. domesticus aus West- und Südeuropa sowie aus Japan M. m. molossinus, die ihren Ursprung in den erstgenannten Unterarten haben soll (Bonhomme et al. 1989).

Die Haltung und Zucht von Hausmäusen hat eine teilweise mehr als 3000 Jahre lange Tradition. In chinesischen Schriften um 1100 v. Chr. finden sich bereits Beschreibungen gefleckter Mäuse, aus Europa existieren Berichte über die Vererbung von Fellfarben aus dem 18. Jahrhundert (Belle 2004). Die früheste Aufzeichnung über wissenschaftliche Versuche an Hausmäusen stammt aus dem Jahre 1664 von Robert Hooke. Die heutigen Labormäuse haben ihren Ursprung großteils in Zuchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1900 begann Abbie Lathrop in den USA eine Hausmauszucht, die zunächst auf die Zucht von Mäusen als Haustiere für Liebhaber ausgelegt war. Ihre Mäuse fanden aber auch bald Eingang in die wissenschaftliche Forschung. Ein weiterer Grundstein für die Entwicklung der Labormaus war im Jahr 1908 die Gründung des Bussey Instituts in Harvard durch William Castle, wo früh bedeutende genetische Forschung betrieben wurde. Castle selbst veröffentlichte bereits 1903 seine Ergebnisse zur Vererbung des Albinismus (Snell & Reed 1993). Einer der Schüler Castles, Clarence Cook Little, begann 1909 mit der Entwicklung des ersten Inzuchtmäusestammes und gründete 20 Jahre später das Jackson Laboratory, das neben der Firma Charles River heute den größten Bestand an Labormäusen besitzt. 1937 entdeckte Peter Gorer an Mäusen den Einfluss des H-2-Locus, später als MHC (Major Histocompatibility Complex) beschrieben, bei der Abstoßung von Hauttransplantaten. Ende der 1940er Jahre entwickelte George Snell MHC-kongene Mäusestämme, die bis auf den H-2-Locus genetisch völlig identisch sind, was der immunologischen Forschung neue Möglichkeiten erschloss und Snell einen Nobelpreis einbrachte (Pennisi 2000). Die vier o. g. Unterarten von M. musculus trugen genetisch zu unterschiedlichen Teilen zur Entwicklung der heutigen Labormäuse bei. Der Hauptanteil des Genoms stammt dabei von M. m. musculus.

Inzuchtstämme, Kongene Stämme, Knockoutmutationen

Als Inzuchtstämme werden solche Zuchtlinien bezeichnet, die entsprechend den Regeln des Committee On Standardized Genetic Nomenclature For Mice (1989) mindestens 20 Generationen ausschließlich durch Bruder-Schwester-Paarungen, basierend auf nur einem Zuchtpaar je Generation, gezüchtet wurden. Nach dieser Generationenfolge werden die Tiere als an allen genetischen Loci homozygot, also genetisch identisch betrachtet, auch wenn rechnerisch erst 98.7 % aller Loci homozygot vorliegen (Green 1981). Vollkommene Homozygotie ist tatsächlich nie zu erreichen, und auch extrachromosomale Faktoren spielen hierbei eine Rolle (Heinecke 1989). Es können außerdem auch noch neue Spontanmutationen auftreten. Bereits innerhalb der Populationen der verschiedenen Unterarten von M. musculus besteht ein hoher Grad an genetischer Heterogenität, wie dies Yu & Peng (2002) für M. m. castaneus nachwiesen. Da die einzelnen Inzuchtstämme zu sehr unterschiedlich großen Anteilen auf den o. g. vier Unterarten basieren, demnach die Ausgangspopulationen in den frühen Zuchten ebenfalls sehr heterogen gewesen sein dürften und die heutigen Inzuchtstämme durch teilweise mehrere hundert Zuchtgenerationen genetisch separiert sind, können verschiedene Inzuchtstämme als Repräsentanten einzelner Genotypen einer natürlichen Population angesehen werden. Aufgrund der relativ kleinen Gründerpopulationen sind die genetischen Unterschiede zwischen den klassischen Inzuchtstämmen allerdings geringer als zwischen direkt auf Wildtieren basierenden Inzuchtstämmen. Die ersten Inzuchtmäusestämme datieren zurück bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Zu den ältesten Inzuchtstämmen, die sich deshalb genetisch auch am stärksten voneinander unterscheiden, zählen DBA, BALB und C57BL.
Durch die Kreuzung zweier Inzuchtstämme und Rückkreuzung der Nachkommen mit dem Empfängerstamm unter Selektion auf ein Merkmal des Spenderstammes können Mäuse erzielt werden, die genetisch bis auf die Zielregion mit dem Empfängerstamm übereinstimmen (Markel et al. 1997). Man spricht bereits nach zehn Generationen serieller Rückkreuzung von kongenen Tieren, auch wenn der neue Stamm dann rechnerisch noch in etwa 1 % des Spendergenoms vom Empfängerstamm abweicht. Eine Koisogenität, d. h. eine genetische Übereinstimmung zweier Mäusestämme bis auf tatsächlich nur ein einziges Gen kann nur durch Mutation innerhalb eines Inzuchtstammes erreicht werden, da bei der Einkreuzung eines gewünschten Merkmals stets ein etwas größeres Chromosomensegment als nur das Zielgen übertragen wird, d. h. es besteht hier immer eine gewisse genetische Kontamination. Darüber hinaus werden auch an anderen Stellen des Genoms der kongenen Tiere noch zufällig verteilte, nicht mit dem selektierten Gen gekoppelte „Passenger Loci“ des Donorstammes zu finden sein, deren Anzahl mit zunehmender Anzahl der Rückkreuzungen abnimmt (Silver 1995).

Text von Stefan Schumacher
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