So sehr viel Zeit habe ich gerade leider nicht, und Sara hat das meiste ja in meinem Sinne schon beantwortet, daher relativ "kurz":
Ich selbst bin auch nichts anderes als ein Hobbyhalter und -züchter und musste im Laufe einiger Jahre zum einen feststellen, das es für viele "Exoten" wirklich unmöglich ist, "blutsfremde" Tiere zu bekommen (mit ein wenig Recherche kommt man oft nur auf ein einziges Ausgangspaar bzw. einen Züchter), und zum anderen, dass auch meine eigene naive Einstellung zu Beginn meines Hobbys, dass es unter privaten Bedingungen möglich ist, eine quasi natürliche Tierpopulation zu erhalten (die sich zum Beispiel zur Wiederauswilderung eignen würde), Unsinn ist.
Was mir selbst oft sauer aufstöst bzw. auf mich sehr oft den Eindruck einer Überheblichkeit anderen Hobbyhaltern gegenüber macht, das sind eben die üblichen Floskeln aus verschiedensten Foren (das betrifft alle möglichen Foren, dann aber meist die Rubriken Hamster, Rennmäuse und Farbmäuse) - jemand fragt irgendetwas zur Zucht, und daraufhin kommt sogut wie nie eine brauchbare Antwort, sondern der Frontalangriff mit "Hast du überhaupt eine Ahnung von der Genetik deiner Tiere?", bzw. "WIR beschäftigen uns schon Jahre mit der Zucht", "weist du nicht, dass Inzucht zu blinden Jungtieren führt" usw.; da machen leider wirklich sehr viele einen dermaßen von sich überzeugten Eindruck, dabei fehlen oft die einfachsten Grundlagen - und wer kann denn außer den paar Farbgenen irgendwas "über die Genetik" wissen? Und genau diese Arroganz vieler Hobbyzüchter, die ihre angeblich "blutsfremden" und "inzuchtfreien" Tiere so viel besser finden als die so minderwertigen Zoohandlungs- und Massenzüchtermäuse, sich aber nicht die geringste Mühe machen zu recherchieren, woher ihre angeblich blutsfremden Zuchttiere (ich sage nur "Wildmongolen"...) überhaupt kommen, ärgert mich und hat mich zu dem Text veranlasst - und auch etliche der Anfragen, die ich zu allen möglichen Arten bekomme, wobei die Tiere dann "natürlich unverwandt" sein sollen - woraufhin ich bei vielen Arten ehrlich sage, dass das ganz einfach nicht möglich ist. Und oft werden die Tiere dann halt von einem anderen Züchter geholt, der natürlich garantiert blutsfremde Tiere am besten aus "Wildfangnachzuchten" hat, wobei aber seltsamerweise niemals jemand irgendeinen Importeur weiß... wobei ich das weniger den Züchtern ankreide - die einen wissen es nicht anders, und die anderen sind ganz einfach geschäftstüchtig. Wobei ersteren vielleicht Texte wie dieser helfen könnten, hoffe ich. Wer sich aber auf jeden Fall informieren sollte ist der "Kunde", bevor er sein Geld für "blutsfremde" Tiere ausgibt.
Sara hat ja den geplanten zweiten Text erwähnt - um das auch nochmal klar zu sagen: mein Text soll überhaupt keine Zuchtempfehlungen pro oder kontra Inzucht geben, sondern nur Grundlageninformationen dazu, und soll z.B. zeigen, dass es unsinnig ist, wenn prinzipiell überall das große Geschrei stattfindet, sobald jemand Inzuchtverpaarungen durchführt, während die forcierte Farbzucht, die zwangsläufig zu einer genetischen Verarmung führt, anscheinend niemanden stört.
Ich will überhaupt niemanden vorschreiben, wie er zu züchten hat (also mit welcher Strategie/System), das ist mir an sich herzlich egal. Ich fände es nur gut, wenn genau diejenigen, die das selbst anderen gegenüber versuchen (und das passiert in sämtlichen wichtigen Tierforen andauernd), sich erst mit den entsprechenden Hintergründen beschäftigen, bevor sie meinen, das Wissen für sich gepachtet zu haben und andere damit beglücken zu müssen. Ich sage das so deutlich, weil sich in meinen Augen wirklich nicht wenige als quasi Experten darstellen. Ich erinnere nur an die unsäglichen Hamsterdiskussionen, in denen Leute über das natürliche Sozialverhalten diskutieren (eher streiten bzw. andere beschimpfen), die sich aber nie die Mühe gemacht haben, überhaupt mal irgendeine entsprechende Quelle zur Hand zu nehmen - das ist für mich ein höchst arrogantes Benehmen insbesondere Anfängern gegenüber. Und auch da haben etliche den zugehörigen Text dank oberflächlichen Lesens gründlich missverstanden. Das ist mir inzwischen aber auch egal - in solchen Texten steckt soviel Arbeit, dass eigentlich doch auch erwartet werden kann, dass der Leser sich die Mühe macht, das richtig zu lesen.
Und man sollte sich klarmachen, dass es nicht wirklich sinnvoll ist, bei Tieren, die bereits aus Inzuchten stammen, hinterher irgendwelche "genetische Kosmetik" betreiben zu wollen - woher sollen einmal verloren gegangene Allele wieder kommen, wenn nicht durch das laufende Einkreuzen von Wildtieren? Und damit meine ich wirkliche Importtiere, nicht irgendwelche angeblichen "Wildmongolen", die wohl nichts anderes sind als ein Aguti-Inzuchtstamm - aber wer von den Farbzüchtern, die oft als wesentliches Zuchtziel "Vitalität, natürliches Verhalten, Verträglichkeit" angeben (betrifft halt vor allem Mongolen) ist bereit, ständig Wildtiere einzukreuzen und Farben nur noch zufällig fallen zu lassen?
@Ingrid: Du fragtest nach der Bedeutung für den Farbzüchter. Das ist ganz einfach: selbstverständlich darf man weiterhin gezielt auf Farben züchten, dann sollte man aber nicht gleichzeitig genetische Vielfalt und Nähe zum Wildtyp betonen, das schließt sich für mich eigentlich in der Regel aus. Wobei wie geschrieben es eben auch nicht unbedingt problematisch sein muss - wenn man tatsächlich gesunde Tiere einer Farbe hat, sollte es durchaus möglich sein, auch reine Inzuchtstämme einer Farbe zu züchten.
Wenn man hauptsache möglichst vitale Tiere mit möglichst großer genetischer Vielfalt haben will, dann kann man ja durchaus Farbzuchtformen nehmen, sollte dann aber mit möglichst vielen Tieren (möglichst vieler Farben) anfangen und diese so "zufällig" wie nur möglich verpaaren, d.h. Farben einfach zufällig fallen lassen - und dann können meiner Meinung nach gerade Tiere aus den angeprangerten Massenzuchten sehr sinnvoll sein, denn die sind dank ihrer oft sehr zufälligen Zucht wahrscheinlich genetisch untereinander sehr viel weniger ähnlich als die in Kreisen der gezielten Farbzuchten kursierenden Mäuse.
Übrigens finde ich es auch sehr schön, dass hier eine vernünftige Auseinandersetzung mit solchen Themen möglich ist ohne das übliche Gezeter, dafür vielen Dank!

Und auch danke für Lob und konstruktive Kritiken! Sollte meine Text einen arroganten Unterton haben, so richtet sich das auf keinen Fall gegen "den Hobbyhalter", wie gesagt bin ich auch nur einer, sondern höchstens gegen diejenigen, die ohne Nachzudenken anderen ihre Meinung aufzwingen wollen - von daher sollte sich zumindest bei uns hier doch keiner auf den Schlips getreten fühlen, hoffe ich!:)